Die Wochen, auf die niemand vorbereitet ist
Der Vertrag ist unterschrieben, das Notebook abgegeben, die Zugänge sind gesperrt. Vor dir liegen mehrere Monate, in denen du bezahlt wirst, ohne zu arbeiten. Von außen klingt das nach einem Geschenk.
Die ersten beiden Wochen fühlen sich auch so an. Du schläfst aus, arbeitest die Liste ab, die zwei Jahre liegen geblieben ist, und triffst Menschen, für die vorher keine Zeit war.
Und dann kippt es bei den meisten. Nicht dramatisch, eher schleichend. Der Montag fühlt sich an wie der Sonntag, das Handy bleibt still, und abends stellt sich die Frage, was du heute eigentlich gemacht hast. Was als Erleichterung begann, wird zu einer Leere, über die kaum jemand spricht.
Besonders deutlich wird das bei Menschen, die vorher viel gesteuert haben. Wer fünfzehn Jahre lang Launches durch mehrere Länder gebracht und Zeitpläne gehalten hat, an denen zwanzig Menschen hingen, merkt sofort, wenn es nichts mehr zu steuern gibt. Der Kalender ist leer, niemand fragt nach, und die Rückmeldung, an der du dich sonst orientiert hast, fällt komplett weg.
Das ist kein persönliches Versagen. Es ist die vorhersehbare Folge davon, dass eine Struktur wegfällt, die dein Leben über Jahrzehnte getragen hat.
Warum Freistellung etwas anderes ist als Urlaub
Urlaub hat einen Anfang, ein Ende und eine Rückkehr. Du weißt, wohin du zurückkommst, und genau deshalb kannst du abschalten.
Bei einer Freistellung fehlt dieser Rahmen. Es gibt kein Datum, an dem etwas wieder beginnt, sondern nur eines, an dem die Zahlungen enden. Das verändert die Qualität der freien Zeit vollständig. Im Hintergrund läuft eine Uhr, auch wenn du sie nicht hörst.
Deshalb funktioniert Erholung in dieser Phase anders. Sie nimmt dir die Müdigkeit, aber sie beantwortet keine einzige Frage. Wer sechs Wochen ausschläft und dann feststellt, dass sich nichts geklärt hat, ist nicht schlecht im Erholen. Es lag nur nie an der Erschöpfung allein.
Die zwei häufigsten Wege, diese Zeit zu verschwenden
Der Aktionismus
Manche starten am ersten Tag mit Bewerbungen. Sie überarbeiten den Lebenslauf, legen eine Tabelle an, verschicken in den ersten Wochen direkt zwanzig, dreißig, vierzig Bewerbungen und prüfen mehrmals täglich das Postfach.
Das fühlt sich nach Arbeit an, und der Impuls dahinter ist verständlich. Wer jahrelang etwas gesteuert hat, hält Kontrollverlust schlecht aus. Bewerbungen zu verschicken ist die einzige Handlung, die in dieser Lage sofort möglich ist.
Der Haken: Du bewirbst dich in diesen Wochen als die Person und mit der Rolle, die du im alten Job warst. Deine Unterlagen beschreiben Aufgaben und Stationen, weil du noch nicht die Zeit hattest, dir eine andere Frage zu stellen. Und wenn die Absagen kommen, treffen sie dich in einer Phase, in der du ohnehin unsicher bist.
Dazu kommt etwas, das in Pharma und Biotech besonders ins Gewicht fällt. Wenn ein ganzer Standort abgebaut wird, sind viele Menschen mit ähnlichem Profil gleichzeitig auf dem Markt. Im offenen Stapel triffst du auf ehemalige Kolleginnen und Kollegen mit vergleichbaren Stationen, teilweise aus denselben Projekten. Wer sich dort durch ein besseres Layout unterscheiden will, hat wenig Chancen.
Ein zweiter Punkt betrifft das Timing. Rollen für das kommende Jahr werden häufig im Herbst geplant, wenn Budgets und Ziele festgelegt werden. Wer erst im Januar sichtbar wird, kommt in vielen Fällen zu spät für Entscheidungen, die im Oktober und November gefallen sind.
Das Aufschieben
Die andere Gruppe macht das Gegenteil. Erst einmal ankommen, sagen sie, das habe ich mir verdient. Und das stimmt auch.
Nur dehnt sich diese Phase gern aus. Aus zwei Wochen werden sechs, aus sechs werden drei Monate. Es gibt keinen Chef, der nachfragt, und keinen Kalender, der dich zu irgendetwas zwingt. Irgendwann ist die Hälfte der Zeit vorbei, und der Abstand zum Berufsleben ist größer geworden, ohne dass etwas Neues entstanden wäre.
Was diese Monate tatsächlich wert sind
Zwischen diesen beiden Wegen liegt der eigentliche Wert der Freistellung, und er ist größer, als die meisten denken.
Du hast in dieser Zeit etwas, das Menschen in ungekündigter Stellung nicht haben und Menschen ohne Abfindung ebenfalls nicht: Du bist nicht gezwungen, das Nächstbeste zu nehmen. Du kannst dir eine Rolle anschauen und ehrlich prüfen, ob sie zu dir, deinen Kompetenzen und Wünschen, passt, statt zuzugreifen, weil die Zeit drängt.
Diese Freiheit hat aber ein Verfallsdatum. Sie endet nicht am letzten Zahlungstag, sondern deutlich früher, nämlich in dem Moment, in dem der Druck spürbar wird und die Entscheidung wieder aus der Angst kommt.
Eine Struktur, die sich in der Praxis bewährt hat
Menschen, die diese Phase gut nutzen, gehen meist in drei Etappen vor. Die genaue Länge hängt davon ab, wie viel Zeit dir zur Verfügung steht.
Erstens: Erholung mit Datum
Plane die Erholung bewusst, statt sie ausufern zu lassen. Setze dir ein konkretes Enddatum, zum Beispiel drei oder vier Wochen, und halte es ein. Danach beginnt die nächste Etappe, unabhängig davon, wie du dich fühlst.
Der Unterschied zwischen geplanter und zufälliger Erholung ist groß. Geplante Erholung erholt tatsächlich, weil kein schlechtes Gewissen mitläuft.
Zweitens: Klarheit, bevor die Unterlagen entstehen
In dieser Etappe geht es um drei Fragen, die zusammengehören: 1. Was willst du wirklich? 2. Wofür willst du in deiner nächsten Rolle stehen? 3. Und was bringst du mit, das diesen Anspruch trägt?
Das klingt weich, ist aber der Teil mit der größten Wirkung. Denn ohne diese Antworten schiebst du in deinem Lebenslauf nur Formulierungen hin und her. Mit ihnen schreibt sich der Lebenslauf beinahe von selbst, weil du weißt, worauf er hinauslaufen soll.
Hilfreich ist hier auch Feedback, das von außen kommt: eine Stärken- und Kompetenzenanalyse ebenso wie Rückmeldungen und Gespräche ehemaliger Kolleginnen und Kollegen. Die eigene Wahrnehmung allein reicht selten, weil dir genau die Dinge selbstverständlich vorkommen, die andere an dir schätzen.
Drittens: Gespräche, lange bevor du sie brauchst
Ein großer Teil der Rollen auf deinem Niveau wird nie ausgeschrieben. Sie entstehen, weil jemand ein Problem hat, Budget dafür bekommt und überlegt, wen er kennt.
Damit ihm dein Name einfällt, braucht er ein Bild davon, was du kannst und wofür du stehst. Und dafür braucht es Gespräche, die nicht mit einer Bitte beginnen, sondern mit echtem Interesse an dem, was beim Gegenüber gerade passiert.
Solche Gespräche wirken oft im ersten Schritt ergebnislos. Vierzig Minuten, kein nächster Schritt, am Ende ein freundliches „Melde dich, wenn ich helfen kann!“. Genau daraus entsteht später überraschend viel, weil dein Name im Kopf bleibt.
Wichtig ist der Zeitpunkt. Wer diese Gespräche führt, während er noch bezahlt wird, wirkt entspannt und interessiert. Wer sie führt, weil das Geld in sechs Wochen ausläuft, wirkt anders, auch ohne es auszusprechen.
Wie du merkst, dass du auf dem richtigen Weg bist
Ein verlässliches Zeichen ist nicht die Zahl der verschickten Bewerbungen. Es ist die Frage, ob du beschreiben kannst, wohin du willst, ohne dabei deine letzte Position zu nennen.
Ein zweites Zeichen ist der Kalender. Wenn dort jede Woche mindestens ein Gespräch steht, arbeitest du in deiner Suche so, dass sie tatsächlich Türen öffnet.
Und ein drittes: Du fühlst dich am Sonntagabend nicht mehr, als würdest du etwas versäumen. Diese Ruhe kommt nicht vom Nichtstun, sondern davon, dass du weißt, woran du gerade arbeitest.
Freistellung ist kein Urlaub, und sie ist auch keine Wartezeit. Sie ist eine Frist, die läuft, ganz gleich, ob du sie nutzt.
Wer das früh versteht, hat am Ende dieser Monate keine dreißig Absagen, sondern eine Antwort auf die Frage, wohin es gehen soll, und Menschen, die davon wissen. Das ist der Unterschied, der später über den nächsten Job entscheidet.
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